Ein Abend in Xi’an – und von der Angst, nicht mehr nach Hause zu kommen

2010 war ich mit einer Reisegruppe in China. Gleich am Gate im Flughafen lernte ich Tanja, eine meiner Mitreisenden kennen. Und wir waren von Anfang an gute Freundinnen. Manchmal trifft man solche Personen, bei denen die Chemie einfach passt, und genauso war es bei Tanja und mir (der Rest der Gruppe meinte jedenfalls, wir hätten die Reise gemeinsam geplant und gebucht…).

Beide empfanden wir die Rundreise als äusserst anstrengend. Hinzu kam mein damals starkes Heimweh (ich war frisch verliebt – und er musste natürlich zu Hause bleiben), weswegen wir dann in der Mitte der Reise beschlossen, uns einen „westlichen Abend“ zu gönnen. Somit schlugen wir also den Hinweis vom Reiseleiter, dass es schwierig sei in Xi’an ein Taxi zu kriegen, in den Wind, und zogen auf eigene Faust los.

Das auf eigene Faust losziehen nutzten wir allerdings zuerst, um mal ausgiebig und lange zu Duschen, und in meinem Falle auch noch, um mit meinem zu Hause gebliebenen Freund zu telefonieren (fragt mich nicht nach der Handy-Rechnung – die war extrem hoch. Und das fieseste dabei war, dass sie genau an dem Tag kam, als er Schluss gemacht hatte…). Danach zogen wir dann los.

Und weil wir ja so toll sind, und sicher keine Probleme haben werden, ein Taxi zu kriegen, liessen wir keines im Hotel bestellen, sondern erkundigten einfach zuerst mal die Strasse vor dem Hotel. Da war abends so einiges los, viele kleine Garküchen, und überall sassen die Einheimischen und assen zu Abend. Da wir aber den westlichen Abend haben wollten, hielten wir uns gar nicht lange da auf, sondern versuchten dann bereits nach kurzer Zeit, ein Taxi zu kriegen, um ins Zentrum zu fahren. Denn da, so hatten wir das am Nachmittag gesehen, gab es einen Starbucks, einen McDonalds, und einen Hägen Dazs. Und siehe da, gleich das erste Taxi konnten wir erfolgreich anhalten, und los gings. Natürlich schön lachend – über die dummen Hinweise vom Reiseleiter.

Und was soll ich sagen. Der Abend danach war richtig toll und wir genossen ihn in vollen Zügen. Zuerst bei einem Kaffee in Starbucks – endlich mal wieder richtigen Kaffee. Und nein, das behaupte ich normalerweise von Starbucks nicht. Aber verglichen zu der Brühe, die sich optisch kaum vom Schwarztee unterscheiden liess, die es morgens im Hotel zum Frühstück gab, schmeckt so ein Starbucks-Kaffee einfach himmlisch. Anschliessend ging es weiter zu McDonalds, und abgeschlossen haben wir den Abend bei einem feinen Eis im Hägen Dazs.

Zufrieden und gesättigt haben wir dann noch etwas das Zentrum erkundigt. Wenn ich mich richtig erinnere, war es an einem Samstag Abend. Und entsprechend viel war los in der Stadt. Es war also echt ein schöner Abend. Nur: Irgendwann wurden wir dann müde, und wollten zurück ins Hotel. Und da begann die Odyssee.

Zuerst sind wir mal zu einer Kreuzung hin, und haben versucht, dort ein Taxi anzuhalten. Gehalten hat kein einziges. Aber die ganze Zeit haben irgendwelche Motorradfahrer angehalten, die allerdings immer nur eine von uns mitnehmen konnten/wollten. Das wollten wir aber nicht. Aufteilen war uns zu unsicher, ohne Helm sowieso mal nicht und hinzu kam der Smog. Xi’an lag zu diesem Zeitpunkt nämlich unter einer starken Smog-Glocke. Und ich musste mich am Nachmittag bereits mal kurz hinlegen, weil die Kopfschmerzen zu stark wurden. Also kam ein Motorrad schon mal gar nicht in Frage.

Nach einer halben Stunde ohne irgendwelchen Erfolge, beschlossen wir, es an einer anderen Strasse zu versuchen. Auch, um von den Motorradfahrern wegzukommen, die sich da so richtig schön angesammelt haben, und in der Zwischenzeit uns auch schon an dem Armen packten, um uns auf ihre Maschinen zu ziehen.

Nach etwas suchen, fanden wir dann auch einen Taxi-Stand, wo auch hin und wieder Taxis anhielten, um Passagiere mitzunehmen. Passt! Dachten wir uns jedenfalls. Nur: bei uns steht man da ja schon in einer Reihe, und wartet, bis man an der Reihe ist. Nicht so in China. Da gilt das Recht des Stärkeren/Schnelleren. Sobald ein Taxi abbremst, sind also alle losgerannt, und wer zuerst die Beifahrertür aufriss (und sich am besten auch noch gleich hineinsetzte) der hat gewonnen. Nachdem wir das Spektakel ein wenig beobachtet hatten, hatten wir den Dreh dann raus. Zuerst haben wir uns also strategisch positioniert, um unsere Chancen zu erhöhen, und los ging der Kampf.

Irgendwann gelang es mir dann tatsächlich auch, ein Taxi anzuhalten. Tanja kam glücklicherweise auch sofort angerannt. Wir – freundlich lächelnd, überglücklich endlich in einem Taxi zu sitzen – halten dem Taxifahrer die Visitenkarte unseres Hotels hin. Und was passiert? Nein. Er fährt uns NICHT zurück ins Hotel. Er sagt irgendwas auf Chinesisch und schmeisst uns aus seinem Taxi… Da haben wir uns vielleicht verdutzt angeschaut. Aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ist man sich ja gewohnt, dass Taxis einem immer mitnehmen. Egal, wie kurz oder lang die Strecke ist…

Dies passierte uns dann noch drei weitere Male, bis es uns endlich gelang, einen Taxifahrer zu kriegen, der uns tatsächlich ins Hotel zurückfahren wollte. Kaum sind wir losgefahren, hielt er zwei Finger in die Höhe. Wir so „Will der jetzt wissen, ob wir wirklich nur zu zweit sind? Oder will er noch zwei Passagiere mitnehmen???“. In der Zwischenzeit hat er wild zu reden und gestikulierend begonnen, und hielt immer wieder zwei Finger hoch. Bis wir uns dann darauf einigten, dass es uns eigentlich egal ist, was er meint, und einfach genickt haben. Er hat das Taxameter ausgeschalten und so sind wir dann also endlich losgefahren. Richtung Hotel. Zuerst. Plötzlich jedoch bog er von der Hauptstrasse ab, rein in dunkle Nebenstrassen. Wir haben uns nur angeschaut. Beim nächsten abbiegen meint Tanja „Du, ich hab‘ Angst.“. Zum Glück verfüge ich über einen relativ guten Orientierungssinn, so dass ich versuchte, sie einigermassen zu beruhigen: „Wir sind zwar nicht mehr auf der Hauptstrasse, aber die Richtung stimmt.“ Konnte es mir dann aber nicht verkneifen, hinzuzufügen „Aber wirklich wohl dabei ist mir auch nicht.“ War keine gute Idee, weil dann die Frage von Tanja kam „Meinst du, der führt uns irgendwohin, wo wir überfallen werden?“. „Ich weiss es nicht. Aber ich habe jetzt auch Angst“. Worauf wir uns dann gegenseitig die Hand hielten, und in Schweigen verfielen. Irgendwann dann, hatte ich jedoch plötzlich das Gefühl, dass wir nun zu weit gefahren sind, was ich natürlich gleich laut kund tat „Du, ich glaube, jetzt sind wir zu weit.“ Schreck lass nach, das Herz ist mir da wirklich in die Hose gerutscht.

Aber was passiert kurz danach? Wir biegen wiederum auf eine Hauptstrasse ein, biegen gleich bei der nächsten Kreuzung links ab, und fahren direkt auf unser Hotel zu – allerdings von der anderen Seite. Wir waren also tatsächlich etwas zu weit… Allerdings nur ca. 200m. Mensch, waren wir da erleichtert.

Kaum vor dem Hotel, kam dann wieder ein chinesischer Wortschwall, und die zwei Finger. Womit uns dann auch klar war, was er meinte. Die zwei Finger waren der Fahrpreis, den er mit uns aushandeln wollte. 20 Yuan. Für eine Taxifahrt, die normalerweise 10 Yuan kostet. Wir haben also das doppelte bezahlt. Allerdings, auch wenn wir gewusst hätten, was er damit bezwecken wollte, wir hätten sofort eingewilligt. Nach über eine Stunde Taxi suchen, waren wir ja überglücklich, dass wir endlich eins gefunden hatten.

Und ja, unser Reiseleiter hatte Recht. Es war schwierig, in Xi’an ein Taxi zu kriegen. Am nächsten Morgen hat er uns dann auch erzählt, warum uns die ersten nicht mitnehmen wollten: Unser Hotel lag ausserhalb vom Stadtzentrum. Und an einem Samstag Abend sind so viele Leute unterwegs, dass die Taxifahrer lieber kurze Strecken fahren – innerhalb des Zentrums. So machen sie mehr Fahrten und verdienen mehr Geld. Ausserdem finden sie sofort wieder einen Fahrgast. Wohingegen unser Taxifahrer – ziemlich sicher – mit einem leeren Taxi zurück ins Zentrum fahren musste.

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8 Gedanken zu “Ein Abend in Xi’an – und von der Angst, nicht mehr nach Hause zu kommen

  1. Hört sich vertraut an. 😉 Xi’an ist wirklich nicht ganz einfach, was Taxis betrifft. 20,- Yuan sind ja nicht viel. Da kann man es verschmerzen, wenn man mal das Doppelte zahlt. Bin schon gespannt auf weitere China-Abenteuer. LG Ulrike

  2. Wenn ich das so lese verzichten wir besser auf eine China-Reise. In Japan sind die Dinge für uns einfacher. Ein Vorteil, wenn Frau die Sprache spricht. Und Taxi fahren wir dort auch meist nicht. Mein Cousin würde das nie zulassen, der kümmert sich meist rührend um uns. Das ist sein „Beschützerinstinkt“ *lacht sich weg*

    • Hihi, so einen Cousin habe ich auch. Allerdings zu Hause. Aber der Flughafen-Bring-und-Abhol-Service ist jedesmal toll 😉

      Ihr könnt trotzdem beruhigt nach China gehen. Auf der ganzen Reise hatte ich nur dieses eine, schlechte Erlebnis. Überfordert waren wir einfach vom dicht gedrängten Programm, und von der chinesischen Kultur. Ich hatte einfach etwas anderes erwartet.

      • Ich mag das alte China und was es der Welt vermittelt hat. Mit Sicherheit werden wir China besuchen, aber nicht jetzt. sofort und gleich. Unsere Urlaube / Ferien verbringen wir meist in Japan.

        Du bist aber nicht allein mit deiner Ansicht und enttäuschten Erwartung. Das China der Legenden gibt es einfach nicht. Das gilt für Japan ebenso.

      • Das gibt es ja bei uns auch nicht mehr. Kann mich noch gut an das enttäuschte Gesicht unserer kanadischen Austauschschülerin erinnern, weil wir alle in Jeans und T-Shirt im Klassenzimmer sassen, und nicht in Tracht 🙂

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